Analyse

Zwischen gewachsenen Erwartungen und neuem Aufbau: Wie weit ist der SC wirklich?

Morgen werden bei der Saisoneröffnung gegen Crystal Palace die neuen Namen zum ersten Mal vor einer großen Freiburger Kulisse aufgerufen. Manche Rückennummer sitzt bei uns längst, andere muss man noch kurz dem Gesicht zuordnen. Und spätestens wenn der Ball rollt, beginnt wieder dieses vertraute Spiel im Kopf: Wer startet? Wer drängt hinein? Und wie gut ist dieser SC eigentlich?

Die ehrliche Antwort passt in keine Aufstellungsgrafik. Freiburg geht mit einem Kader in die Saison, der mehr Möglichkeiten bietet als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig fehlt mit Johan Manzambi der beste junge Spieler der Vorsaison. Neue Rollen sind zu vergeben, mehrere Zugänge müssen erst im Freiburger Spiel ankommen, und die prägendsten Figuren werden nicht jünger.

Genau das macht diese Mannschaft interessant.

Die drei G tragen noch immer viel

Christian Günter, Vincenzo Grifo und Matthias Ginter stehen für drei verschiedene Arten, wie ein Spieler beim SC zur Identifikationsfigur werden kann. Günter ist die ungewöhnlich lange Treue in einer schnelllebigen Liga. Grifo ist fortgegangen, zurückgekommen und emotional vielleicht gerade deshalb so eng mit Freiburg verbunden. Ginter stammt aus der Fußballschule, wurde Weltmeister und entschied sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere bewusst für die Rückkehr.

Sportlich bleiben alle drei wichtig. Ginter war in der vergangenen Saison der überragende Organisator der Abwehr. Grifo entscheidet Spiele mit Pässen, Standards und Momenten, die in keiner taktischen Grundordnung vollständig aufgehen. Günters Rolle hat sich verändert, doch seine Erfahrung und seine Verbindung zu Mannschaft und Verein verschwinden nicht mit einer veränderten Zahl an Startelfeinsätzen.

Aus ihrem Alter vorschnell eine Abschiedsgeschichte zu bauen, wäre falsch. Der Übergang läuft längst, ohne einem festgelegten Zeitpunkt zu folgen. Die drei G sind weiter Teil der Gegenwart. Die entscheidende Frage ist, wie viel Verantwortung neben ihnen bereits übernommen werden kann.

Ein Kader besteht nicht aus elf Antworten

Im Tor beginnt die neue Konkurrenz mit unterschiedlichen Stärken. Mio Backhaus bringt Qualitäten in der Strafraumbeherrschung und im Spielaufbau mit. Als junger Torhüter wird er Fehler machen und Unterstützung brauchen. Die neue Rangordnung wächst über Wochen, Vertrauen und Pflichtspiele.

Ähnlich offen wirkt manches davor. Freiburg kann in der Abwehr auf Erfahrung, verschiedene Profile und Spieler aus der eigenen Ausbildung zurückgreifen. Diese Auswahl ist eine Stärke. Nun müssen sich die richtigen Kombinationen finden – und Spieler, die Verantwortung übernehmen, wenn Ginter fehlt oder nicht jene außergewöhnliche Saison wiederholt, die gerade noch als Maßstab im Kopf ist.

Im Mittelfeld verspricht Yannik Engelhardt eine andere Ordnung. Neben Maximilian Eggestein kann er Stabilität geben, Räume schließen und das Spiel absichern. Patrick Osterhage und Rihito Yamamoto erweitern die Möglichkeiten. Offen bleibt: Wer beschleunigt aus dem Zentrum, wer löst sich unter Druck, wer bricht die erste gegnerische Linie? Je nach Gegner kann diese Antwort anders ausfallen.

Berkay Yılmaz kommt nach zwei Jahren in Nürnberg gereifter zurück. Seine Leihe zeigt, dass ein Freiburger Entwicklungsweg nicht zwingend geradeaus durch den eigenen Profikader führen muss. Auch Karl Steinmann und Rouven Tarnutzer stehen für die Hoffnung auf einen direkten Übergang aus der Fußballschule. Sie brauchen keine freundliche Erwähnung im Saisonheft, sondern echte Gelegenheiten – und die Freiheit, dabei noch nicht fertig zu sein.

Die Lücke trägt Manzambis Namen, aber nicht nur sein Gesicht

Johan Manzambi fehlt, weil er Spiele auf eine Weise öffnen konnte, die sich nicht bestellen lässt. Sein Verkauf ist wirtschaftlich nachvollziehbar und sportlich ein Verlust. Dynamik, Mut und Unberechenbarkeit lassen sich nicht mit der Ablöse ersetzen.

Der SC muss diese Lücke nicht mit einem einzelnen Nachfolger schließen. Das Trainerteam hat selbst darauf hingewiesen, dass eine Entwicklung wie jene Manzambis nie allein aus dem Talent eines Spielers entsteht. Konkurrenz, Unterstützung und die Bereitschaft der Mannschaft, Fehler mitzutragen, gehören dazu. Diese Umgebung bleibt in Freiburg vorhanden und soll den nächsten Durchbruch ermöglichen.

In der Offensive gibt es dafür mehrere Ansatzpunkte. Derry Scherhant war mit 49 Pflichtspieleinsätzen, sieben Toren und zwei Vorlagen schon in der vergangenen Saison viel mehr als ein gelegentlicher Ersatz. Meist kam er von der Bank, zugleich half seine Präsenz dabei, Grifos Minuten sinnvoller zu steuern. Scherhant ist kein jüngerer Nachbau Grifos. Seine eigenen Stärken machen ihn wertvoll.

Auch Igor Matanović, Yuito Suzuki, Eren Dinkçi, Lucas Höler und Kōsuke Gotō bringen unterschiedliche Lösungen mit. Im Doppeltest gegen Straßburg traf Höler zweimal nach Vorlagen von Scherhant. Bewährte Spieler und neue Konstellationen können zusammen funktionieren. In den Pflichtspielen muss daraus Verlässlichkeit werden.

Mehr Spiele verändern den Wert der zweiten Reihe

Wer in dieser Saison nur nach der vermeintlichen Stammelf fragt, schaut am eigentlichen Thema vorbei. Conference-League-Playoffs, DFB-Pokal und Bundesliga beginnen innerhalb weniger Tage. Gelingt der Sprung in die Ligaphase, wird Belastungssteuerung keine Randfrage, sondern Teil jeder Spielidee.

Das Trainerteam beschreibt diese Aufgabe erstaunlich nüchtern: In engen Rhythmen kann nicht jede Partie bis ins letzte Detail vorbereitet werden. Spieler müssen körperlich und geistig frisch bleiben; zugleich können sie nur eine begrenzte Menge an Informationen aufnehmen. Ein breiter Kader gibt Schuster mehr Lösungen und verteilt Verantwortung auf mehr Schultern.

Freiburg hat in den vergangenen Jahren oft davon profitiert, dass Rollen klar waren und Abläufe auch dann hielten, wenn einzelne Spieler wechselten. Nun sind einige dieser Rollen selbst in Bewegung. Das erklärt, warum die Vorbereitung trotz der großen Vorsaison wieder bei Grundlagen beginnt: Abstände, Kommunikation, gegenseitige Hilfe, die Bereitschaft zur Kritik. Dort entscheidet sich, was die guten Namen gemeinsam tragen können.

Was erwarten wir nach einer fast unwirklichen Saison?

Hier wird die Kadervorschau zur Fanfrage. Nach Rang sieben, Pokalwegen, Europapokalnächten und dem Finale von Istanbul lässt sich der Blick nicht einfach auf null stellen. Wir wissen, was diese Mannschaft und dieser Verein erreichen können. Daraus wächst Vorfreude auf den nächsten jungen Spieler, einen Zugang, der sofort passt, und einen SC, der wieder oben anklopft.

Schwierig wird es, wenn aus dieser Vorstellung unbemerkt eine Pflicht wird. Ein erneuter siebter Platz wäre wieder eine ausgezeichnete Saison. Die Konkurrenz ist reich, ambitioniert und nicht weniger überzeugt von ihrer eigenen Entwicklung. Freiburg besitzt inzwischen mehr wirtschaftliche und sportliche Stabilität. Einen Anspruch auf Wiederholung hat der Verein damit nicht erworben.

Die beste Nachricht dieses Sommers liegt in den vielen möglichen Wegen durch eine Saison: Erfahrung kann weiter tragen, Rückkehrer können Rollen finden, Nachwuchsspieler können hineinwachsen und Neuzugänge dürfen den SC verändern, statt bloß einen Vorgänger zu kopieren.

Morgen bei der Saisoneröffnung werden wir genauer hinsehen und vermutlich schon nach wenigen Minuten erste Urteile im Kopf haben. Einige davon werden wir wieder ändern. Dieser Kader gibt dem SC genügend Möglichkeiten, eine neue Geschichte zu beginnen.

Die Debatte

Kommentare

Beiträge erscheinen nach redaktioneller Freigabe – chronologisch, ohne Bewertung oder Sortierung.

Kommentare werden geladen …

Kommentar einreichen

Mit dem Absenden wird der Kommentar zunächst nur der Redaktion angezeigt.