Meinung
Gänsehaut in Istanbul
Es gibt Tage im Leben eines Fußballfans, die brennen sich so tief in die Seele ein, dass das nackte Ergebnis auf der Anzeigetafel am Ende fast zur Nebensache wird. Der 20. Mai 2026 im Tüpraş Stadyumu von Beşiktaş war genau so ein Tag.
Wenn mir vor 32 Jahren, als ich angefangen habe, zu diesem Verein zu gehen, jemand erzählt hätte, dass wir eines Tages im Finale eines europäischen Wettbewerbs am Bosporus stehen… ich hätte ihn für absolut verrückt erklärt. Vom einstigen kleinen Provinzclub aus dem Schwarzwald direkt auf die ganz große europäische Bühne. Eine Reise von der Dreisam bis nach Europa, getragen von harter Arbeit, Demut und einem unfassbaren Zusammenhalt.
Ein weißes Fahnenmeer am Bosporus
Schon Stunden vor dem Anpfiff war Istanbul fest in südbadischer Hand. Rund 15.000 Freiburger – fast alle komplett in Weiß gekleidet – haben die Stadt geflutet. Wer dachte, die berüchtigte Atmosphäre im Beşiktaş-Kessel würde unsere Kurve einschüchtern, der hat sich gewaltig geschnitten. Vom Aufwärmen bis weit nach dem Abpfiff war das ein einziger, ohrenbetäubender Dauersupport. Wir haben im Regen gestanden, die rot-weißen Schals in den Himmel gestreckt und einfach alles gegeben, was die Stimmbänder hergaben.
Selbst die einheimischen Beşiktaş-Fans und die türkischen Medien haben nach dem Spiel in den sozialen Netzwerken den Hut vor diesem Auftritt gezogen. Diese friedliche, aber unfassbar lautstarke Energie hat Eindruck hinterlassen.
Das Spiel: Kaltschnäuzigkeit schlägt Kampfgeist
Auf dem Rasen lief es bitter. Aston Villa hat uns an diesem Abend eiskalt den Zahn gezogen. Während wir unsere Chancen nicht nutzen konnten, zeigten sich die Engländer brutal effizient. Das 0:3 klingt am Ende deutlich und tut im ersten Moment natürlich weh. Villa war abgeklärter, abgezockter und hat die Fehler im Umschaltspiel konsequent bestraft.
Aber wer nach dem Schlusspfiff in die Gesichter der Mannschaft und der Fans geblickt hat, der sah keine hängenden Köpfe. Da war nur Stolz. Stolz auf diese Mannschaft, die uns diese historische Reise überhaupt erst ermöglicht hat. Stolz auf den „Freiburger Weg“, der zeigt, dass man auch ohne die Milliarden von Investoren mit ehrlicher Arbeit bis ganz nach oben kommen kann.
Der Blickwinkel bleibt positiv
Wir haben das Finale verloren, ja. Aber wir haben der Fußballwelt gezeigt, wer der SC Freiburg ist und wie eine lebendige, leidenschaftliche Fankultur aussieht. Dieses Spiel war kein Ende, sondern der emotionale Höhepunkt einer Entwicklung, die uns niemand mehr nehmen kann.
Wir kommen wieder. Und bis dahin nehmen wir die Gänsehaut aus Istanbul mit zurück in den Schwarzwald.
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