Chronik
Der Hüter des SC-Schatzes
800 Kilometer vom Europa Park Stadion: Der größte SC-Archivar sitzt in Hamburg
Wer sich intensiv mit der Geschichte des SC Freiburg beschäftigt, sucht meist in den Archiven der Stadt, in alten Ausgaben der lokalen Zeitungen oder direkt beim Verein. Doch einer der größten und leidenschaftlichsten Bewahrer der Freiburger Fußballhistorie sitzt ironischerweise fast 800 Kilometer vom Europa Park Stadion entfernt: im Hamburger Exil.
Das SC-Museum im Norden:
Eine Hommage an Ronald „Minus“ Becker
Lange bevor man historische Vereinsdaten, alte Kaderlisten oder Trikot-Historien bequem auf Wikipedia oder offiziellen Vereinskanälen nachschlagen konnte, leistete er Pionierarbeit. Seine Faszination für den SC begann Anfang der 90er Jahre mit Volker Finke und der damaligen Vereinsphilosophie. Aus anfänglichem Interesse entwickelte sich schnell eine tiefe Leidenschaft, die um die Jahrtausendwende, wie er selbst in einem Zeitungsbericht schmunzelnd zugab, fast schon pathologische Züge annahm und den Pfad der Vernunft verließ. Getreu dem von der Band Fehlfarben entliehenen Motto ‚Keine Atempause, Geschichte wird gemacht‘ eröffnete er sein virtuelles Museum im Netz.
Dabei baute er über Jahre hinweg mit unglaublicher Akribie ein digitales Zuhause für SC-Nerds auf. Seine Website, die zwar seit 2015 ruht, aber glücklicherweise immer noch online ist, bündelt eine Zeit, in der das Internet noch nicht so schnelllebig war. Sie ist ein Monument echter Fankultur.
Doch Ronalds Leidenschaft beschränkt sich nicht nur auf den digitalen Raum. In Hamburg hat er über die Jahre eine gigantische physische Sammlung zusammengetragen – mit Exponaten, die bis ins Jahr 1924 zurückreichen, wie etwa einem echten Torwarttrikot aus dem Jahr 1980.
Lange Zeit war der Plan, dass der SC Freiburg diese Sammlung eines Tages erbt. Doch die Geschichte hat mittlerweile ein großartiges und topaktuelles Happy End gefunden: Erst vor kurzem hat Ronald über 20 Kisten seiner Sammlung per Spedition nach Freiburg geschickt. Wenig später reiste er selbst an, um die Schätze gemeinsam mit dem Verein im neuen Stadion zu sichten und zu katalogisieren.
Ronald selbst bleibt dabei bescheiden: Er sieht sein Archiv nicht als „das“ eine große SC-Museum, sondern als wesentliche Ergänzung zum ohnehin schon sehr umfangreichen Archiv des Vereins. Zwei riesige Sammlungen sind nun endlich an einem Ort vereint – so sehr, dass der eigentlich großzügige neue Archivraum im Stadion schon wieder aus allen Nähten platzt! Lediglich einige Stadionhefte und Autogrammkarten sind vorerst im Hamburger Exil geblieben, um mögliche Doppelungen in Freiburg in Ruhe abzugleichen.
Ein Sinnstifter für dieses gigantische Archiv-Projekt war der mittlerweile verstorbene Peter Martin, der damals selbst ein Vereinsarchiv aus dem Boden stampfte, nachdem bei Umzügen der Freiburger Geschäftsstelle vieles im Müll gelandet war. Dass Ronald Beckers Lebenswerk nun offiziell mit den Beständen des Vereins zusammengeführt wurde, sichert diese Geschichte für die nächste Generation.
Übrigens: Wer sich fragt, woher der Spitzname ‚Minus‘ kommt – dieser stammt aus Beckers wilder Punk-Zeit. Wie er treffend feststellte: ‚Damals nannte man sich halt nicht Blümchen‘.
Wer einen lebendigen Eindruck davon bekommen möchte, was es bedeutet, sein Leben einem Verein zu widmen, dem sei dieser Ausschnitt aus der SWR-Dokumentation Fußballfieber aus dem Jahr 2014 ans Herz gelegt
Genau deshalb soll dieser Beitrag eine kleine Hommage sein. Wahre Vereinsliebe misst sich nicht nur an der Lautstärke in der Kurve, sondern auch an der Ausdauer, die Puzzleteile unserer Identität zusammenzutragen und für die Nachwelt zu erhalten.
Schaut unbedingt mal auf seiner Seite vorbei und taucht in dieses großartige Archiv ein
Danke, Ronald, für deine unschätzbare Vorarbeit. Ohne Fans wie dich wäre die Geschichte des SC Freiburg nur halb so greifbar.


Kommentare werden geladen …